Die Straße ist das Ziel – eine romantische Zeitreise​

Jürgen Wünschenmeyer (s. Interview S. 5) ist seit 2000 Geschäftsführer der Romantische Straße Touristik-Arbeitsgemeinschaft GbR. Die berühmte Ferienstraße prägte ihn von Kindheit an. Er hat die wichtigsten Stationen in der Entwicklung der Romantischen Straße zusammengefasst, die untrennbar mit einigen sympathischen »Charakterköpfen« verbunden sind.

Kultstar Charly Brown

Karl Heinz Zobel, besser bekannt unter seinem »Künstlernamen« Charly Brown, hat Generationen von Fahrgästen sicher über die Romantische Straße kutschiert. Seinem großen Fanclub gehörten jedoch nicht nur Menschen an: Zu seinen treuesten Fahrgästen gehörte »Schnuppy«, ein Mischlingsrüde aus Wallerstein, der tagtäglich auf den Europabus wartete, mit ihm durch den Ort fuhr und während der Fahrt ein Würstchen verspeiste, das Charly zuverlässig für ihn bereithielt. Die Freundschaft zwischen dem Busfahrer und dem Wallersteiner Hund dauerte über 14 Jahre, ehe »Schnuppy« seine letzte Reise in den Hundehimmel antrat.

Der Kult-Busfahrer der Romantischen Straße, der immer einen schwarzen Zylinder und weiße Handschuhe trug, lebte nach Auslaufen seiner Fahrerlaubnis bis 2018 in der Nähe von Wiesbaden.

10. Januar 1950

Gründung der Arbeitsgemeinschaft »Die Romantische Straße zwischen Main und Alpen«. Die Wurzeln von Deutschlands ältester Ferienstraße gehen auf das Jahr 1900 zurück, damals verband der »Deutsche Reiseweg Nummer 1« den Main mit den Alpen. Vor allem die in Deutschland stationierten amerikanischen Soldaten und ihre Familien fanden später Gefallen an dieser mit reicher Historie und landschaftlichen Schönheiten gespickten Route.

4.– 8. Mai 1950

Die erste Pressefahrt entlang der Romantischen Straße wird organisiert. Mit dabei ein Dutzend Journalisten und Reisebuchautoren, die sich vom touristischen Potenzial der Romantischen Straße ein eigenes Bild machen konnten.

19. Juni 1950

Süddeutschlands längste Omnibus-Fernlinie nimmt ihren Betrieb auf. Die 377 Kilometer lange Fernlinie wird täglich in beide Richtungen befahren, mit Anschluss nach Oberammergau, Ettal und Garmisch- Partenkirchen. Abfahrt morgens um 6.30 Uhr in Würzburg, Ankunft in Füssen um 20.15 Uhr. Entgegengesetzt um 6 Uhr ab Füssen mit Ankunft in Würzburg um 19.35 Uhr. Fahrpreis pro km: 6 Pfennig. Mit Beginn des Linienverkehrs werden die Busse der Romantischen Straße zunächst von englischsprachigen Übersetzern, später von Hostessen begleitet. In ihren adretten Uniformen brauchten sie den Vergleich mit Lufthansa-Flugbegleitern nicht zu scheuen.

23. Mai 1951

Die Deutsche Bundesbahn setzt ein Schnelltriebwagen-Paar auf der Strecke Rothenburg – Feuchtwangen – Nördlingen – Augsburg – München und zurück ein. In allen Orten ist ein Umstieg in den Bus Romantische Straße möglich, sodass alle Sehenswürdigkeiten besucht werden können. Die Gestaltung beider Fahrpläne liegt bei der Bundesbahndirektion Augsburg (Reichsstädteexpress).

1952

Die roten Bahnbusse werden vom Gründer der Romantischen Straße, Dr. Ludwig Wegele, feierlich begrüßt: Die mit Blumen geschmückten MAN-Busse haben jeweils 100.000 Kilometer auf der Romantischen Straße zurückgelegt. Erster Fahrer war Johann Marquart (1913–2008) aus Augsburg.

12. Mai 1955

Die Deutsche Touring Gesellschaft nimmt die Romantische Straße als Bestandteil der Vogelfluglinie Linie 312 von Kopenhagen über Würzburg und Augsburg nach Innsbruck auf. Die Romantische Straße ist somit in das Europabus-Liniennetz der europäischen Eisenbahngesellschaften eingebunden. Die roten Bahnbusse werden im Jahr 1962 durch die türkis- beigefarbenen Busse der Deutschen Touring ersetzt, einer 100-prozentigen Tochter der Deutschen Bundesbahn. Gleichzeitig mit dieser Übernahme werden Frankfurt am Main und München in den Fahrplan eingebunden. Erwin Rüb, späterer Betriebsleiter der Deutschen Touring, war der erste Europabusfahrer entlang der Romantischen Straße.

01. April 1968

Charly Brown (1929-2018) startet zu seiner ersten Fahrt von Frankfurt nach München. Unter seinem bürgerlichen Namen Karl Heinz Zobel kennt den immer gut gelaunten Gentleman aus Sachsen kaum jemand. Doch schnell wird der Busfahrer mit Trillerpfeife, Handschuhen und Zylinder »Kult« – zum Markenzeichen im internationalen Tourismus. Den Spitznamen erhielt er von zwei begeisterten Amerikanerinnen, die zu treuen Stammgästen auf der Strecke wurden. Nach 25 Dienstjahren hat er auf »seiner« Strecke 2,5 Millionen Kilometer absolviert, was etwa 60 Erdumrundungen entspricht.

1974

wird der kleine Jürgen Wünschenmeyer, der heute Geschäftsführer der Romantische Straße Touristik Arbeitsgemeinschaft GbR mit Sitz in Dinkelsbühl ist, zum ersten Mal in den Bus von Feuchtwangen nach Augsburg gesetzt, wo ihn seine Oma empfangen sollte. Charly Brown nahm sich des Jungen an und weckte in ihm eine Begeisterung für die Romantische Straße, die ein Leben lang andauern soll. Von da an reist Jürgen in den Ferien regelmäßig mit dem Bus zur Großmutter, auch als sie nach Bad Wörishofen umsiedelt. Im Alter von 16 Jahren nimmt Jürgen Wünschenmeyer in den Schulferien erstmals seine Tätigkeit als Begleitperson im Europabus auf.

April 1982

Die Japanische Romantische Straße wird nach deutschem Vorbild ihrer Bestimmung übergeben – die erste Nachahmung im Ausland. Im Jahr 2007 wurde die Partnerschaft mit der Rota Romantica in Brasilien besiegelt. Zwei Jahre später, im Juli 2009, wurde die Romantic Road of Korea und 2016 die Romantische Straße in Taiwan feierlich eröffnet. Auch in Vietnam hat man bei der Gründung der World Heritage Road das Leitbild des deutschen Originals übernommen.

01. April 1992

Köksal Balikci wird als erster türkischer Fahrer auf der Romantischen Straße eingesetzt. Der aus Kapadokien stammende Balikci war ursprünglich auf der Europabuslinie Istanbul–Frankfurt im Einsatz, verliebte sich in die Romantische Straße und ist auch heute noch im Ruhestand gelegentlich für die Buslinie tätig. Für ihn ist die Romantische Straße zu seiner »Lebens-Linie« geworden, und ein Blick auf seine Facebook- Seite spiegelt seinen großen Bekanntheitsgrad, vor allem in Japan, wider.

01. April 1994

Radwandern wird immer beliebter in Deutschland. Diesem Trend wird auch auf der Romantischen Straße Rechnung getragen, und alle Busse werden mit Fahrradanhängern ausgestattet, zur Ergänzung des Angebotes entlang des Radwanderwegs.

01. Juli 2008

In Vorbereitung auf ihren Börsengang verkauft die Deutsche Bahn die gewinnträchtige Deutsche Touring an ein ausländisches Busunternehmer- Konsortium. Aus dem Europabus wird nun der »Romantic Road Coach«, der Bus der Romantischen Straße, der nunmehr seit 63 Jahren zum Bindeglied der Romantischen Straße geworden ist und aktuell von Touring Tours & Travel in Frankfurt betrieben wird. (www.touring-travel.eu)

2009

Aufgrund der Veränderungen des Landschaftsbildes wird die Streckenführung zwischen Donauwörth und Augsburg über Rain am Lech gelegt. Die Romantische Straße folgt Donau und Lech in die Blumenstadt. Die Streckenführung zwischen Donauwörth und Augsburg wird geändert und Rain wird der 28. Mitgliedsort an der Romantischen Straße.

28. April 2010

Um den Gästen aus der ganzen Welt mehr Service zu bieten, werden die Busse zum 60. Geburtstag der Romantischen Straße mit Audioguides in 8 Sprachen ausgestattet.

2013

Zwischen Würzburg und Tauberbischofsheim wird der Streckenverlauf optimiert. Die Romantische Straße führt nun zunächst nach Wertheim an die Mündung der Tauber in den Main und dann weiter ins Taubertal. Durch den Verlauf der Ferienstraße auf Nebenstraßen durch abwechslungsreiche Landschaften, unberührte Natur, kleine Dörfer und Städte ist die Länge von einst 350 km im Jahr 2000 nun auf 460 km gewachsen.

01. Mai 2018

Auf den Strecken von Frankfurt am Main und München nach Rothenburg o.d.T. werden die Fahrgäste von Reiseleitern begleitet.

21. Juni 2020

Resümee zum 70-jährigen Jubiläum von Deutschlands erster Qualitätsferienstraße: Seit 1950 haben die Romantische Straße Busse über 16 Millionen Kilometer zurückgelegt, was 404 Erdumrundungen entspricht. Insgesamt wurden mehr als 1,6 Millionen Passagiere befördert.